SCHNIPSEL-Redakteurin Alia hat Herrn Podszus interviewt, weil er Erzieher auch in ihrer 123er-Lerngruppe ist. Er begleitet sie in der Büchereizeit und manchmal ist er auch im Unterricht dabei. Alia hat sich die Fragen vorher ausgedacht und ihm dann im Freizeitraum der Lerngruppe gestellt. Und Wisdom hatte auch noch ein paar Fragen.
Herr Podszus spielt gerne Baseball und trainiert auch eine Kinder-Mannschaft der Flamingos n dieser Sportart. Jetzt bietet Herr Podszus bei uns am Campus die erste Baseball-AG an. Er zeigt unseren Schülerinnen und Schülern, wie sie den Handschuh anziehen, Bälle fangen und mit dem Schläger treffen. Er habe sein Hobby zum Beruf gemacht, sagt er. Auch unser Schulkonzept findet er interessant. Er muss aber alles erst einmal richtig kennenlernen. Bevor er an unsere Schule kam, hatte er seine Ausbildung im Kindergarten gemacht.
SCHNIPSEL: Was ist Ihr Eindruck von unserer Schule bislang?
HERR PODSZUS: Es ist anders als im Kindergarten zu arbeiten. Die Schule ist ziemlich groß. Hier ist von 1. Klasse bis 10. Klasse alles dabei. Es ist ganz schön viel los hier und die Kinder können hier total viel machen.
SCHNIPSEL: Wie sind denn die Kinder?
HERR PODSZUS: Die Kinder sind sehr freundlich und sehr nett, manchmal haben sie auch ihre schwierigen Minuten, aber wenn man den ganzen Tag zusammen ist mit ganz vielen Kindern, passiert das auch mal, dass man nicht immer ganz glücklich ist als Kind. Das ist auch schwieriger für den Erzieher, damit umzugehen. Aber ich glaube, dass jeder Erzieher und jede Erzieherin hier das ganz gut hinbekommt, auch mit den schlechten Phasen umzugehen.
SCHNIPSEL: Warum bieten Sie die Baseball-AG an?
HERR PODSZUS: Es macht mir so einen Spaß, es selber zu spielen. Und weil ich auch gerade Baseball-Trainer geworden bin, möchte ich den Kindern Baseball näher bringen und sie für diesen Sport begeistern. Damit mehr Kinder auch Baseball spielen und nicht alle nur Fußball oder Handball. Außerdem kann ich so in der Arbeitszeit ausleben, was mir am meisten Spaß macht.
SCHNIPSEL: Was ist Ihr Ziel hier an der Schule? Was möchten Sie erreichen?
HERR PODSZUS: Ich möchte erreichen, dass die Kinder hier ganz viel Spaß haben und viel lernen können an der Schule und ich sie dabei unterstützen kann. Und dass die Kinder sich später vielleicht mal an mich erinnern und sagen können, der Herr Podszus war ein cooler Erzieher.
SCHNIPSEL: Erzählen Sie bitte was über Ihre Baseball-Vergangenheit!
HERR PODSZUS: Bei den Flamingos habe ich mit sechs Jahren angefangen, Baseball zu spielen. Dann habe ich mit den Jahren bei vielen Turnieren mitgespielt. Wir sind oft Berliner Meister geworden und dann zu den Deutschen Meisterschaften gefahren. Mit meiner Mannschaft habe ich auch schon in vielen anderen Ländern in Europa gegen die dortigen Nationalmannschaften Baseball gespielt, zum Beispiel in Kroatien und Belgien. Und ich habe einmal drei Wochen lang jeden Tag Baseball in Amerika trainiert und gespielt. Dafür wurde ich von einem amerikanischen Trainer in seine Mannschaft eingeladen, nachdem er mich hier in Deutschland spielen sah.
SCHNIPSEL: Und warum sind Sie dann Erzieher geworden?
HERR PODSZUS: Ich habe mich für den Beruf entschieden, weil ich gerne mit Kindern zusammenarbeite und weil es mir Spaß macht, den Kindern Wissen zu vermitteln, für sie da zu sein und sie auf dem Lebensweg zu begleiten und das Ganze mitzuverfolgen. Das ist für mich eine ganz tolle Aufgabe.
Vielen Dank für das Interview, Herr Podszus.
Autorin: Alia
Märchenhaftes aus der 456d: Die blaue Kugel
Es war einmal ein Junge namens Tobias. Tobias hatte nur drei Brüder und drei Schwestern ,die sehr arm waren. Sie waren nicht so nett wie Tobias es verdient hätte. Eines Tages ging Tobias fort. Er ging in ein entferntes Land, wo nur Zauberwesen lebten. Dort traf er die Familie Zauber, die reich und sehr nett war. Tobias war das nicht gewöhnt, denn er wusste nicht, dass Menschen nett sein können. Er nahm sie als Familie an und lebte eine ganze Weile mit ihnen.
Nach der ganzen Weile beschloss seine leibliche Familie, ihn zu suchen und dann zu verkaufen. Und so wie es das Schicksal mochte, fanden sie ihn. Sie entführten ihn in der tiefsten Nacht ohne seine Zustimmung. Die Zauber-Familie bemerkte das sehr schnell, und die Zauber-Mutter machte sich auf den Weg, um ihn zurückzuholen. Die Zauber-Mutter holte ihn dank der Zauberkugel. Die blaue Kugel war streng geheim und verboten. Die leibliche Familie gab nicht auf und ging in den Kampf gegen der Zauber-Mutter. Sie kämpfen und kämpfen, doch die Zauber-Mutter fiel zu Boden.
Plötzlich kam eine Maus. Die Maus sagte mit einer alten Stimme: “Wünsche dir etwas, Fräulein!“ Die Zauber-Mutter zögerte nicht und sagte: “Ich wünsche mir, dass Tobias glücklich ist.” Da verschwand die leibliche Familie sofort und Tobias ging es wieder gut und lebte den Rest seines leben glücklich und fröhlich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Als im vergangenen Jahr die ersten Geflüchteten aus der Ukraine mit ihren Kindern nach Berlin kamen, stand für unsere Schulleiterin Frau Ristow sofort fest: “Wir eröffnen an unserem Campus Willkommensklassen für die Kinder. Hier ist Platz für sie.“ Ein bisschen dauerte es dann noch, bis es an unserer Schule wirklich losging. Aber seit diesem Schuljahr gibt es zwei Willkommensklassen am Campus Hannah Höch mit 25 Kindern und Jugendlichen. Sie kommen aus der Ukraine🇺🇦, aus Syrien🇸🇾 und aus Rumänien🇷🇴.
Die 25 Kinder und Jugendlichen teilen sich fast gleichmäßig auf die Grund- und auf die Mittelstufe auf. Dabei fährt der Campus zwei unterschiedliche Modelle: Die Jugendlichen in der Mittelstufe lernen in einer reinen Willkommens-klasse, um erst einmal ausreichende Deutsch-Kenntnisse zu erlangen, die Kinder in der Grundstufe sind auch schon in die Regelklassen integriert. Ihren Deutschunterricht erfahren sie in der Willkommensklasse, andere Fächer wie Mathe, Englisch, Kunst und Sport machen sie zusammen mit ihren deutschen Mitschüler*innen in den Regelklassen. Zwischendurch unternehmen alle zusammen immer wieder Ausflüge, etwa in den Reichstag, auf den Fernsehturm oder zu anderen Sehenswürdigkeiten.
“Wir leben am Campus Willkommenskultur“, betont Frau Ristow. “Wir integrieren die Kinder.“ Der Vorteil unserer Gemeinschaftsschule ist, dass große Familien ihre älteren und ihre jüngeren Kinder an einer Schule unterbringen können. Mit Frau Poznyak, Frau Brunner, Frau Schulz und Frau Spanja konnten wir erfahrene und engagierte Fachkräfte für die Betreuung der Kinder aus der Ukraine und aus Syrien gewinnen. “Das sind Superkräfte“, freut sich Frau Ristow. “Beherzte Pädagoginnen, die hier am rechten Fleck sind!“
Frau Brunner kümmert sich zusammen mit Frau Poznyak um die Willkommensklasse der Mittelstufe. Sie bringt durch ihre vorhergehende Arbeit mit ausländischen Studenten an der Universität viel Erfahrung im DaZ-Unterricht mit. Frau Schulz hat viele Jahre lang an der Volkshochschule Erwachsenen Deutsch beigebracht und betreut zusammen mit Frau Spanja und Frau Poznyak die Willkommensklasse der Grundstufe.
Frau Poznyak ist also für die ukrainischen und die syrischen Kinder sowohl in der Mittelstufe, als auch in der Grundstufe zuständig. Zusätzlich unterstützt sie die Grundstufen-Kinder in Förderstunden auch im Unterricht in den Regelklassen, damit sie dort richtig mitarbeiten können. “Unser Team ist eine sehr gute Mischung“, meint Frau Poznyak. “Es ist sehr schön, an dieser Aufgabe im Team zu arbeiten und sich mit den Kolleginnen austauschen zu können.“
Frau Poznyak, die Grenzgängerin: “Ich kann den Kindern mehr bieten als Deutsch“
Als in Berlin die Willkommensklassen angekündigt wurden, fühlte sich Frau Poznyak gleich berufen. “Ich hatte große Lust, etwas für ukrainische Kinder zu machen, und ich wusste auch, ich kann ihnen mehr bieten als Deutsch beizubringen“, berichtet sie. Jetzt betreut sie mit drei Teamkolleginnen seit einem halben Jahr die ersten Willkommensklassen am Campus Hannah Höch und erweist sich dabei als echter Glücksfall für unsere Gemeinschaftsschule.
Nicht nur erfüllt die studierte Fremdsprachenlehrerin ihre Aufgabe mit viel Expertise und großem Engagement. Sie beweist zudem als Sozialpädagogin einen feinen und differenzierenden Blick auf jedes einzelne der Kinder in den Willkommensklassen. Im Umgang mit den ukrainischen Familien hilft ihr sehr, dass sie die gleichen Muttersprachen sprechen, im Umgang mit den Arabisch sprechenden syrischen Kindern verlässt sie sich viel auf ihren geschulten Blick und ihr Bauchgefühl. “Ich erkenne zum Beispiel inzwischen ziemlich schnell, wenn ein Kind psychologische Hilfe braucht. Dafür habe ich einen Sinn entwickelt“, sagt sie selbst.
Wobei: Etwaige “Probleme“ der Kinder sind nicht der Punkt, an dem Frau Poznyak bei ihrer Arbeit am Campus ansetzt. “Meine Herangehensweise ist nicht, da kommen Kinder, die Probleme haben; da gibt es ein Trauma“, erklärt sie. “Sondern, da kommen ganz unterschiedliche Kinder, die ich begleite. Und dann gucke ich, wo ich sie individuell abholen soll und was sie brauchen. Da macht es für mich keinen Unterschied, ob es ein ukrainisches Kind ist, ob es Krieg erlebt hat oder ob es zu Hause Probleme hat.“
Im Rückblick auf das erste halbe Jahr Willkommensklassen am Campus erkennt Frau Poznyak, wie gut es für die Grundstufen-Willkommenskinder ist, in die Regelklassen integriert zu sein. Kritisch sieht sie dagegen das Mitleid, das den geflüchteten Kindern anfangs gezeigt wurde, und die teilweisen Ausnahmeregelungen wie etwa Handynutzung, die ihnen erlaubt wurden. “Das war falsch!“, urteilt sie heute. “Sie profitieren selbst davon, wenn sie von Anfang jeden Tag im normalen Klassenverbund gefordert werden und funktionieren müssen.“
Zwischen Russland und Ukraine kann sie im Kopf gar nicht trennen
Frau Poznyak kam selbst vor schon 20 Jahren als au pair nach Deutschland, um ihr Deutsch zu verbessern. Dann begann sie, hier zu studieren. Ursprünglich stammt sie aus Russland aus einer Stadt nahe der Grenze zur Ukraine. Zwischen den beiden Ländern, die sich jetzt im Krieg gegeneinander befinden, kann sie gar nicht trennen. “Ich hatte immer viel mit der Ukraine zu tun. Ich habe in der Ukraine gearbeitet. Ich habe viele Freunde und Verwandte in der Ukraine“, erzählt sie. “Wenn ich von der Ukraine und den Ukrainern spreche, spreche ich immer von ‘uns‘.“
Ihr persönlicher Werdegang hilft ihr im Umgang gerade mit den ukrainischen Kindern. Sie weiß, wie es ist, ohne entsprechende Sprachkenntnisse in ein fremdes Land zu kommen. “Sprache ist für alle Willkommenskinder ein Problem“, berichtet sie und erkennt da kulturelle Unterschiede: Die ukrainischen Kinder seien aus Angst vor Fehlern gehemmt, Deutsch zu sprechen. “Dieses für das Sprachenlernen kontraproduktive Verhalten, dieses ‘Ich darf keine Fehler machen und muss perfekt sein‘ stammt noch aus Sowjetunion-Zeiten. Ich kenne das selbst noch“, erklärt Frau Poznyak. Bei den syrischen Kindern beobachtet sie ein anderes Verhalten: Bei einem Test gehe es den Kindern nur um eine gute Note, nicht um das Überprüfen des eigenen Wissens oder Könnens. Aber die syrischen Kinder am Campus kämen leichter auf Deutsch ins Sprechen.
Schwierigkeiten haben die Willkommenskinder manchmal auch noch mit dem viel Freiheit erlaubenden, aber gleichzeitig ein gewisses Maß an Selbständigkeit voraussetzenden Schulsystem, berichtet Frau Poznyak. Die meisten wollten aber auch künftig am Campus bleiben. Zwischen ihr und den Eltern der Kinder herrscht inzwischen ein richtiges Vertrauensverhältnis. “Ich bin überrascht und dankbar, dass sie mit mir Russisch sprechen, was nicht selbstverständlich ist, weil sie sich untereinander auf Ukrainisch unterhalten.“
Den Kindern mehr Erfolgserlebnisse verschaffen
Ihr erstes Fazit nach einem halben Jahr Willkommensklassen am Campus: “Wir haben eine gute Beziehung zu Kindern und Eltern aufgebaut.“ Für die kommende Zeit wünscht sie sich, dass die Willkommenskinder mehr gesehen werden und ihre übrigen Fähigkeiten zeigen können, damit sie mehr Erfolgserlebnisse haben.
Übrigens: Beinahe wäre Frau Poznyak gar nicht an den Campus Hannah Höch gekommen, denn als sich im Sommer vergangenen Jahres Frau Ristow bei ihr meldete, hatte sie schon einer anderen Schule zugesagt. Dennoch vereinbarte Frau Poznyak mit unserer Schulleiterin ein Treffen. Jetzt sind beide jetzt heilfroh, dass sie danach beruflich zusammengefunden haben. “Nach dem Treffen wollte ich unbedingt hier arbeiten“, erinnert sich Frau Poznyak. Und Frau Ristow lobt Frau Poznyak und deren Kolleg*innen im Willkommensklassen-Team als “Superkräfte“ und “beherzte Pädagoginnen“.
Wie ist es, Kinder zu unterrichten, die kein oder kaum Deutsch sprechen? Und wie fühlen sich die Kinder aus der Ukraine, aus Syrien und aus Rumänien an unserer Schule? Diese und weitere Fragen haben die SCHNIPSEL-Redakteurinnen Marwa und Schaima Frau Poznyak im Interview gestellt.
SCHNIPSEL: Was hat Sie an der Arbeit mit geflüchteten Kindern am meisten überrascht oder herausgefordert?
FRAU POZNYAK: Das sind nicht die passenden Worte. Ich versuche, ohne Erwartung an die Aufgabe heranzugehen. Und wenn ich nichts erwarte, dann gibt es auch keine Überraschung. Es macht mir Spaß, mit ihnen zu arbeiten und jedes Kind zu sehen. Ich hole ja jedes Kind da ab, wo es steht – jeden Tag. Es kann auch jeden Tag von woanders sein. Und das empfinde ich nicht als eine Herausforderung. Das ist meine Arbeit, die ich gerne mache.
SCHNIPSEL: Wie geht es im Unterricht mit der Sprache?
FRAU POZNYAK: Ich spreche hier für gewöhnlich Deutsch, aber ich beherrsche ja auch drei andere Sprachen. Die Kinder sprechen Ukrainisch, Russisch und Arabisch. Ukrainisch und Russisch sind für mich keine Fremdsprachen, daher ist es mit Kindern aus der Ukraine ganz einfach.
Mit den syrischen Kindern ist es anders – sie sprechen Arabisch, ich nicht. Mit ihnen ist das so: Wenn wir die Sprache nicht haben, um einander zu verstehen, dann müssen wir mehr spüren und aufmerksamer sein. Ganz da sein, um zu verstehen, was eigentlich das Bedürfnis ist, was sie sagen wollen, was sie brauchen. Aber auch, was sie nicht sagen und trotzdem benötigen. Das ist das Schöne. Ich denke, eigentlich müssten alle Menschen so miteinander umgehen. Nicht nur einfach sprechen, denn da passiert es sehr oft, dass die Menschen aneinander vorbeireden, sondern ganz aufmerksam und ganz da sein und spüren.
SCHNIPSEL: Was meinen Sie: Fühlen sich die Kinder wohl an unserer Schule?
FRAU POZNYAK: Das müsst ihr die Kinder fragen! Ich glaube, es gibt auch Momente, die für sie nicht so angenehm sind. Aber das ist auch normal, denn sie sind ja nicht freiwillig hierher gekommen. Aber insgesamt sind sie mit der Schule sehr zufrieden. Meine Einschätzung ist, dass sie sich im Allgemeinen wohl hier fühlen.
SCHNIPSEL: Welche Regeln gelten für die Kinder hier?
FRAU POZNYAK: Die Kinder haben die gleichen Regeln wie alle anderen Kinder hier auch. Es gibt Klassenregeln, die bei uns in der Gruppe gelten, und sie müssen sich auch an alle anderen Schulregeln am Campus halten. Für sie gibt es nichts anderes als für euch.
SCHNIPSEL: Fällt den Kindern das Lernen der deutschen Sprache schwer?
FRAU POZNYAK: Die Schwierigkeit liegt für sie darin, dass sie hier ins kalte Wasser geschmissen wurden. Es ist nicht so, wie ihr zum Beispiel Englisch lernt – „ganz gemütlich“ in eurem Lerntempo und nach einem Rahmenlehrplan.
Man muss sich das vorstellen, wie sie hier erst einmal nichts verstehen und sich nicht orientieren können. Frage dich selbst: Wie geht es dir, wenn alles um dich herum fremd ist, und du verstehst noch nicht mal, was von dir gewollt wird? Dazu gehört auch, dass du dich zu nichts äußern kannst …
Das Gute ist, dass ich auch selber irgendwann in dieses Land gekommen bin, wenn auch nicht unfreiwillig wie sie. Ich kenne das Gefühl, dass du in ein Land kommst und erst einmal nichts kannst. Da fühlt man sich wie ein Hund: Ich kann nichts sagen, ich kann mich nicht erklären, ich kann mich verbal nicht verteidigen, wenn ich angegriffen werde. Das Gute daran kommt später: Wenn ich es einmal alles hier geschafft habe, dann kann es mir keiner mehr nehmen. Eine solche Erfahrung bleibt für immer, sie ist wie ein Fundament, sie macht einen innerlich unheimlich stark.
Es ist wie eine Mutprobe. Es lohnt sich, da durchzugehen. Dann bist du mutig für immer. Die Kinder wissen das vielleicht noch nicht, aber sie werden es schaffen, und wir werden sie da hinleiten.
SCHNIPSEL: Vielen Dank für das Interview, Frau Poznyak.
Schülerinnen im Gespräch: “Wie findest du es, dass Kinder aus der Ukraine an deine Schule kommen?”
Schule am Campus Hannah Höch ist anders als in ihrer Heimat. Das haben die beiden ukrainischen Schülerinnen Farida und Slata schnell festgestellt. Aber obwohl sie bei uns als Grundstufen-Schüllerinnen auch in einer 456er-Regelklasse unterrichtet werden, haben sie noch viele offene Fragen über den Ablauf in ihrer Lerngruppe. Die Antworten auf ihre Fragen holten sie sich von ihrer Mitschülerin Yuna, die aber auch gleich ein paar Fragen an die beiden hatte.
Yuna, Farida und Slata (von links) sprechen über Schule.
FARIDA UND SLATA: Wie findest du es, dass Kinder aus der Ukraine an deine Schule kommen?
YUNA: Es ist natürlich gut, dass sie hier eine Schule gefunden haben, und hier können sie auch Deutsch, also noch eine Sprache, lernen. Ich finde es gut.
FARIDA UND SLATA: Wie findest du es, dass hier an der Grundstufe keine Handys erlaubt sind?
YUNA: Ich finde es gut, weil ansonsten würden hier alle mit dem Handy herumlaufen und darauf herumspielen und nicht zuhören. Und dann müssten die Lehrer*innen in dem Fall das Handy wegnehmen, und dann wäre es sowieso erstmal weg. Dürft ihr denn in der Ukraine ein Handy benutzen?
FARIDA UND SLATA: Ja, das dürfen wir. Eine andere Frage: Magst du deine Schule?
YUNA: Ja. Wir bekommen halt keine Noten. Manchmal bringen Noten einem nicht so viel. Zwar weiß man dann, ich habe es gut gemacht oder ich habe es schlecht gemacht. Aber wenn ich laut Note etwas schlecht gemacht habe, weiß ich nicht, was ich schlecht und welchen Fehler ich gemacht habe. Außerdem sind wir immer drei Jahrgangsstufen in einer Lerngruppe, und die Jüngeren können von den Älteren lernen.
FARIDA UND SLATA: Was magst du besonders an der Schule?
YUNA: Ich mag gerne Sport, Nawi und Gewi und manchmal auch Mathe. Außerdem bin ich gerne auf dem Pausenhof, spiele mit meinen Freunden, und die vielen Ausflüge mit Herrn Fiedler und der Klasse sind schön. Gefällt es euch denn hier an der Schule?
FARIDA UND SLATA: Die Schule ist gut, die Lehrer*innen sind cool. Unsere Lieblingsfächer sind Englisch, Mathe, Deutsch, Sport und die Mal-AG. Aber es ist komisch mit drei Jahrgängen in einer Klasse zu sein. Wir finden es spannend, dass manche mehr wissen und andere weniger.
YUNA: Findet ihr etwas doof an der Schule?
FARIDA UND SLATA: Doof ist das Handyverbot auf dem Schulgelände, wir brauchen das Handy auch zum Übersetzen. Doof finden wir auch, dass wir hier kaum etwas in der Cafeteria kaufen können und dass die Schule so lange geht. Die Größeren aus den Willkommensklasse der Mittelstufe gehen früher nach Hause als wir! In der Ukraine können wir früher nach Hause gehen, wenn wir schnell gearbeitet haben. Was wir noch gerne wissen wollen: Warum sitzen wir hier in der Lerngruppe immer wieder im Kreis und diskutieren?
YUNA: Wir sitzen im Kreis, damit sich alle gegenseitig sehen und gut einander verstehen können. Da besprechen wir dann zum Beispiel, wie eine Aufgabe bearbeitet werden soll.
FARIDA UND SLATA: Warum dürfen wir hier in der Schule keine eigenen Stifte benutzen?
YUNA: Wir benutzen die Stifte, die wir hier bekommen. Wenn ein Kind eigene Stifte mitbringen und benutzen würde, dann würden alle anderen Kinder auch diese Stifte haben wollen und im Unterricht dauernd danach fragen. Und wenn diese Stifte verloren gingen, wäre das auch blöd. Unsere Eltern bezahlen ja auch Geld für das Material, das wir hier bekommen.
FARIDA UND SLATA: Warum sollen wir in der Lerngruppe unsere eigene Wasserflasche mit denen der anderen Kinder zusammenstellen?
YUNA: Das weiß ich auch nicht so genau. Man könnte die ja auch am Platz stehen haben. Wenn die Flaschen in der Garderobe stehen würden, dann würde manche dauernd aus dem Raum gehen und da vielleicht auch mit anderen Kindern quatschen.
FARIDA UND SLATA: In der Ukraine haben wir in der Schule eine Cafeteria, in der es ganz leckeres Essen zu kaufen gibt und die die ganze Zeit offen ist. Warum gibt es hier in Haus 5 eine Cafeteria und in Haus 1 in der Grundstufe nicht? Weil die Mittelstufe kein gemeinsames Mittagessen hat?
YUNA: Genau.
FARIDA UND SLATA: Warum dürfen die Kinder aus der Grundstufe nicht ins Haus 5 der Mittelstufe gehen?
YUNA: Da ist der Bereich der Großen. Die fühlen sich manchmal auch gestört von den Kleinen, wenn die da Quatsch machen.
FARIDA UND SLATA: Warum dürfen wir in der Pause nicht in den Räumen bleiben? Wir würden oft gerne drinnen im Warmen bleiben und etwas malen. In der Ukraine dürfen wir in den Pausen drinnen bleiben.
YUNA: In den Pausen sollen wir uns bewegen und frische Luft schnappen.
FARIDA UND SLATA: Und wenn es draußen minus 10 oder minus 20 Grad sind oder es regnet?
YUNA: In der Regenpause bleiben wir drinnen. Und dass es hier minus 10 oder minus 20 Grad sind, habe ich noch nicht erlebt.